Gezeiten hautnah: Mont Saint Michel


Fast schon unwirklich erscheint die Abtei Mont Saint Michel, wie sie so aus dem Nichts in den Himmel ragt. Die 157 Meter hohe, pyramidenförmige Insel liegt in der Normandie und gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Nirgendwo sonst ist der Unterschied zwischen Ebbe und Flut so bewusst zu erleben: Denn hier herrschen die stärksten Gezeiten Europas. 

Mont Saint Michel in der Normandie

Der Klosterberg Mont Saint Michel

708 n.Chr. errichtete der Bischof Aubert von Avranches eine Kapelle auf dem Felsen. Diese außergewöhnliche Lage sprach sich schnell herum, sodass der kleine Berg schnell zu einem beliebten Wallfahrtsort wurde. Nachdem immer mehr Pilger zu der Insel strömten, gründeten Benediktinermönche im 10. Jahrhundert dort eine Abtei. Über die nächsten Jahrzehnte hinweg wurde der Bau durch die Einnahmen von Pilgern finanziert und weitergebaut. Später, während des Hundertjährigen Krieges, kämpfen die Franzosen in dieser Bucht gegen die Engländer. Daraufhin wurde das Kloster um große Befestigungsanlagen erweitert und wurde dadurch nie von den Engländern eingenommen.

 

1879 wurde ein Damm gebaut, um die Insel mit dem Festland zu verbinden. Was früher eine sehr beschwerliche und gefährliche Reise war, wurde damit zugänglich für Jedermann und öffnete damit dem Tourismus die Türen. Obwohl es Besuchern damit erleichtert wurde die Bauwerke zu besichtigen, verlor der Klosterberg damit auch seinen maritimen Charme. Denn durch den Damm häufte sich immer mehr Sand mit den Gezeiten an, der nicht zurück ins Meer fließen konnte. Die sonst vom Meer umspülte Insel drohte zu verlanden. 

 

2006 fiel dann der Startschuss für ein großes Bauprojekt, das dieses Problem lösen soll. An der Flussmündung wurde ein Gezeitendamm gebaut. Dieser staut den Fluss und gleichzeitig wird das bei Flut ins Landesinnere strömende Wasser zurückgehalten. Dadurch kann das Wasser bei Ebbe ungehindert abfließen und den Sand zurück ins Meer spülen. Einziger Weg auf die Insel ist seither eine Stelzenbrücke, unter der das Wasser ungestört hindurchfließen kann. 

 

12 Millionen Besucher strömen jedes Jahr nach Mont St. Michel, um das Weltkulturerbe zu besichtigen. Auf dem Klosterberg finden sich heute neben der Abtei verschiedene Hotels, Restaurants und Souvenirshops, die Touristen dazu einladen, eine Weile zu bleiben. Doch auch als Tagesausflug lohnt sich ein Besuch und ein Spaziergang durch die engen Gässchen. Vom ausgeschilderten Parkplatz kann man in etwa 20 Minuten über die Stelzenbrücke (oder bei Ebbe durch das Watt) laufen, es fahren aber auch regelmäßig Pendelbusse, die Besucher an ihr Ziel bringen. 

Die stärksten Gezeiten Europas

Doch nicht nur der Klosterberg an sich ist sehenswert, sondern auch die Bucht überzeugt durch einzigartige Eigenschaften. Denn hier herrschen die stärksten Gezeiten Europas. Das heißt, nirgends sonst ist der Unterschied zwischen Ebbe und Flut so stark erlebbar. Das Wasser zieht sich dann bis zu 15 Kilometer auf das Meer hinaus zurück. Am Besten lässt sich das Naturspektakel und die sogenannte erste Welle von den Festungsmauern, den Aussichtspunkten oder der Brücke aus beobachten. Dafür sollte man circa zwei Stunden vor Tiden-Höchststand vor Ort sein.

 

Um Mont St. Michel herum werden viele geführte Wanderungen durch das Watt angeboten, wodurch man die Bucht auf eine ganz besondere Weise kennenlernen kann. Aufgrund der starken Gezeiten wird aber stark dazu geraten, diese Touren nur geführt und nicht auf eigene Faut zu unternehmen. Denn das Wasser kommt schnell zurück und kann wirklich gefährlich werden.

Inspiration für Herr der Ringe Filme

Dieser imposante Berg und seine einzigartige Architektur wirken fast schon magisch und nicht von dieser Welt. Kein Wunder also, dass Mont St. Michel hin und wieder als Vorbild dient. Wer Herr der Ringe kennt, dem dürfte auch Minas-Tirith (Hauptstadt von Gondor) ein Begriff sein. Für diese Stadt haben sich die Produktionsdesigner von dem Klosterberg in der Normandie inspirieren lassen.

Filmauszug Herr der Ringe
Bildquelle: Screenshot Youtube | Kimer Lorens